Oh Urlaubsgefühl, verweile doch! Du bist so schön!

Kennen Sie das? Es sind die ersten Tage nach dem Urlaub und alles ist noch da: die Erinnerung an das wunderbare Meer, die warme Luft, die Farben und Gerüche in der Umgebung, die Sie viel intensiver wahrnehmen, wenn sie entspannt und zufrieden sind. Sie haben aufgetankt. Haben sich Zeit genommen für wichtige Energielieferanten wie Natur, Luft, Schlaf, gutes Essen, schöne Begegnungen mit anderen Menschen. Sie haben wieder neue Energie für den so genannten Alltag gesammelt und: Sie ahnen bereits, dass dieser Alltag die locker leichte Urlaubszeit mit einem Wisch in den Hintergrund drängen kann und fürchten sich vielleicht sogar davor, dass Sie Stress und Überforderung viel zu schnell wieder einholen. Oh Augenblick, verweile doch! Du bist so schön! Wie gern möchten wir stets das Schöne und Angenehme so lang wie möglich festhalten und dem Anstrengenden und Unangenehmen ganz flott wieder ausweichen.
Auch wenn es in der Achtsamkeitsschulung stets darum geht, anzunehmen, was ist - und dazu gehören eben auch unangenehme Erfahrungen und Empfindungen - so schließt dies nicht aus, dass wir selbst etwas dafür tun können, um positive Erfahrungen im Alltag zu fördern und uns nicht mit dem ersten Abrufen der Emails nach dem Urlaub schon wieder reif für die Insel fühlen.


Hier einige Anregungen dafür*:
Machen Sie aus positiven Alltäglichkeiten, positive Erfahrungen. Wenn Ihnen etwas Nettes begegnet, ein lächelnder Kollege, ein schönes Bild, ein guter Geruch oder Geschmack, eine Umarmung.. lassen Sie diese kleinen Schönheiten des Alltags nicht einfach so an sich vorbei ziehen, sondern nehmen Sie sie bewusst für einige Sekunden wahr. Was genau gefällt Ihnen daran, wie fühlt sich das Ihrem Körper an und welche Gefühle und Gedanken löst diese positive Alltäglichkeit in Ihnen aus? Verweilen Sie bewusst ein wenig länger als für Sie üblich bei angenehmen Erlebnissen - je länger etwas im Gewahrsein bleibt und je intensiver die dazugehörige Emotion erlebt wird, desto mehr Neuronen feuern gemeinsam in Ihrem Gehirn, verdrahten sich und legen eine Spur im Gedächtnis, auf die bei dem nächsten schönen Ereignis schneller zugegriffen werden kann. (Vgl. Lewis, M.D. 2005: Self-organizing individual differences in brain development. In: Developmental Review 25:252-277) 
Fokussieren Sie auf die belohnenden Aspekte alltäglicher Erlebnisse im Kontakt mit anderen. Überhören Sie ein Lob oder Kompliment nicht einfach und fangen Sie nicht gleich an, es zu analysieren, sondern wiederholen Sie es stattdessen innerlich selbst nochmals und spüren Sie, wie es sich anfühlt, Anerkennung und Zuneigung von dieser Person zu erfahren. Nehmen Sie die Anerkennung und das Interesse Ihres Gegenübers an Ihnen wahr, wenn Ihnen jemand aufrichtig zuhört oder an Ihrer Meinung interessiert ist. Erleben wir Belohnung wird in unserem Gehirn Dopamin ausgeschüttet, wodurch wir aufmerksamer und wacher sind. Wenn wir uns zudem der positiven Verbindung zu einem Menschen bewusst werden, fordern wir die Stimulierung von Oxytocin, dem Bindungshormon, was dazu beiträgt, dass wir uns zugehörig und unterstützt fühlen.
Nutzen Sie die Kraft von positiven Tatsachen und Erfahrungen, um die Intensität von erlebtem Stress zu reduzieren. Weiter oben habe ich bereits von neuronalen Spuren gesprochen, die in unserem Gehirn gelegt werden, wenn bestimmte Neurone zusammen feuern. "What wires together, fires together." - Wenn Zellen gemeinsam feuern, verdrahten sie sich und bilden neuronale Schaltkreise. Dies hat Donald Hebb bereits 1949 festgestellt. Vereinfacht gesagt bedeutet das: Wenn Sie sich immer nur mit plagenden Gedanken quälen, stets das Schlechte erwarten, schlimme Erlebnisse aus der Vergangenheit und Horrorszenarien über die Zukunft immer wieder gedanklich durchspielen, so bekommen diese negativen Schaltkreise im Gehirn immer mehr Energie und werden grösser und grösser. So als würden sie das Stromnetz ihrer persönlichen Geisterbahn immer weiter ausbauen. Da unser Gehirn, wie jedes System, im Grunde von Natur aus faul ist und Energie sparen möchte, wird es nun diejenigen Schaltkreise, welche positive Erlebnisse, Erwartungen und Gedanken gespeichert haben, mit immer weniger Energie beliefern. Glücklicherweise funktioniert das Ganze auch umgekehrt und wir können dafür sorgen, dass den negativen Verbindungen Stück für Stück der Strom abgezapft wird, wenn wir uns die großen und kleinen Schönheiten dieser Welt immer häufiger bewusst machen und uns auch immer wieder an positive Erlebnisse erinnern.
Drucken Sie sich mal wieder ein Foto mit einer schönen Erinnerung aus, anstatt es nur im Smartphone zu bewahren und werfen Sie immer mal wieder einen Blick darauf. Erinnern Sie sich bei einem Salz-Bad in der Badewanne an das schöne Gefühl beim Baden im Meer. Nehmen Sie sich bei einem Gespräch während der Arbeitszeit die gleiche Muße und Zeit, so wie Sie das bei einem sundowner-Cocktail in den Ferien gemacht haben. Werden Sie sich bei alltäglichen Aktivitäten wie dem Weg zur Arbeit oder einem Spaziergang in der Mittagspause immer mal wieder dem Sie umgebenden Licht, der Luft und der Natur bewusst bzw. achten Sie darauf, dass es genügend Momente in Ihrem Alltag gibt, in denen Sie Raum für diese lebensnotwendigen Energielieferanten haben.


Ich wünsche allen einen schönen Start in den Spätsommer mit vielen kleinen like-ice-in-the-sunshine-Momenten!🍦🏖


* Vgl dazu auch das Buch von Rick Hanson und Richard Mendius: Das Gehirn eines Buddha. Die angewandte Neurowissenschaft von Glück, Liebe und Weisheit. Arbor Verlag, 2010.

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